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Seitenansicht eines Mercedes 300 SL Foto: Daimler AG.
Artikel Erstellt Aktualisiert

Über emotionale Rendite und einen Markt im Wandel

Classic-Car-Experte Oliver Grimme im Interview (Teil I)

Classic Cars als lohnendes Investment? Oliver Grimme von der HVB erklärt, warum nicht nur die finanzielle Rendite zählt

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“. Dieses meist Aristoteles zugeschriebene Zitat hat heutzutage längst den Status einer Binsenweisheit erreicht. Aber was genau meinte der griechische Philosoph eigentlich mit diesem Sinnspruch? Anders gefragt: Welchen Faktor muss man dem Rechenexempel hinzufügen, damit diese Gleichung auch tatsächlich aufgehen kann?

Wer sich für das Thema „klassische Automobile“ begeistert, dem wird die Frage nach dem fehlenden X-Faktor regelrecht trivial erscheinen. Denn obwohl diese Evergreens der Automobilgeschichte auch in ihre Einzelteile zergliedert noch den absoluten Schaffenshöhepunkt der Ingenieure ihrer jeweiligen Ära repräsentieren, werden sie doch erst zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt zu mehr: Dann nämlich, wenn der Faktor Emotion ins Spiel kommt.

Oliver Grimme, Spezialist für Classic Cars bei der Hypovereinsbank
Oliver Grimme, Spezialist für Classic Cars bei der Hypovereinsbank

Für Oliver Grimme gehören emotional aufgeladene Objekte zum Arbeitsalltag. Seit 2013 betreut er für den Private-Banking-Bereich der Hypovereinsbank das Ressort „Classic Cars“. Privat ist Grimme dem Thema Automobil allerdings schon seit 30 Jahren verbunden und selbst mit Herzblut in der Classic-Car-Szene aktiv. Im ersten Teil des Driven-Luxury-Cars-Interviews spricht Oliver Grimme über einen Markt im Wandel, das beste Auto-Investment, die Entwicklung des Marktes – und warum es in seinem Geschäft nicht nur um finanzielle Renditen geht.

Driven Luxury Cars: Herr Grimme, Classic Cars gelten heute längst nicht mehr als Geheimtipp im Bereich der alternativen Investments. Trotzdem ist dieser Bereich bei Bankhäusern bisher eher unterrepräsentiert. Was bewog Ihr Haus dazu, auf diesem Gebiet neue Wege zu beschreiten?

Oliver Grimme: Der Bedarf bei den Kunden hat permanent zugenommen. Daher haben wir den Bereich „Art Management“, der in unserem Haus bereits 14 Jahre besteht, vor fünf Jahren um das Thema „Classic Cars“ erweitert.

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Driven Luxury Cars: Sind Classic Cars denn eine echte Alternative zu klassischen Investmentmöglichkeiten?

Oliver Grimme: Wir sehen Classic Cars nicht als gleichwertiges Investitionsthema neben klassischen Investment-Möglichkeiten, sondern eher als Zusatzservice für unsere Kunden. Durch die Niedrigzinsphase hat das Interesse an Sachwerten stark zugenommen. Das betrifft sowohl den Kunstmarkt, als auch den Markt für exklusive Automobile und andere Luxusobjekte. Oft sind es dieselben Familien, die in diese drei artverwandten Themenbereiche investieren. Meist handelt es sich um Personen, die schon für alle „Basics“ gesorgt haben. Sprich: Wertpapierdepots und Immobilien sind bereits vorhanden und die Vorsorge für die Familie ist geregelt. Steht dann noch Kapital zur Verfügung, fällt die Wahl häufig auf die genannten Objekte.

Driven Luxury Cars: Also sind Classic Cars eher eine sinnvolle Ergänzung eines ansonsten schon recht ausgewogenen Portfolios?

Oliver Grimme: Absolut. Man sollte nicht vor dem finanziellen Ruin stehen, wenn das Objekt nicht den erhofften Zuwachs bringt. Zumal bei klassischen Autos mit Themen wie „Versicherung“, „Steuer“ oder „Werkstatt“ nicht ganz unwesentliche Kostenpunkte hinzukommen. Auch eine klimatisierte Garage ist teilweise vonnöten. Trotzdem kann nach Abzug aller Kosten unterm Strich ein Ertrag stehen – den man aber auf keinen Fall garantieren kann. Als Investment bleiben Classic Cars spekulativ.

Driven Luxury Cars: Man kann also sagen, dass der Investmentgedanke – gerade wegen solcher Risiken und Kostenfaktoren – nicht im alleinigen Vordergrund stehen sollte?

Oliver Grimme: So ist es. Ich sage meinen Kunden gerne: „Haben Sie Freude an der Sache, nutzen Sie das Auto und freuen Sie sich auf die Chance eines möglichen Wertzuwachses“ – den man zwar bei gewissen Modellen erwarten, aber nicht versprechen kann. Die emotionale Rendite sollte klar im Vordergrund stehen.

Die emotionale Rendite sollte beim Kauf eines Classic Cars klar im Vordergrund stehen.

Driven Luxury Cars: Bei welchen Modellen wäre ein solcher Wertzuwachs am ehesten zu erwarten?

Oliver Grimme: Die beste Chance, dass eine mögliche prozentuale Wertsteigerung die Kostenseite deckt und außerdem noch ein Gewinn erwirtschaftet werden kann, besteht sicherlich eher bei Fahrzeugen jenseits der 250.000-Euro-Grenze. Hier finden sich Fahrzeuge, deren weltweiter Status absolut unstrittig ist, beispielsweise die Mercedes-Benz-300er-SL-Baureihen, die als absolute Ikonen gelten – ob als Flügeltürer oder als Roadster. Absolut betrachtet konnte aber beispielsweise auch die BMW Isetta eine hohe Wertsteigerung verzeichnen. Denn auch sie ist eine Ikone ihrer Zeit und hat ihren Platz in der Automobilgeschichte. Einen Kaufpreis von einer Million wird sie aber wohl in absehbarer Zeit nicht erzielen.

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Driven Luxury Cars: Eine große Chance auf eine nennenswerte Wertentwicklung gibt es also – wenn überhaupt – vor allem im obersten Segment?

Oliver Grimme: Richtig. Faktoren wie „Qualität“, „Seltenheit“ oder „Provenienz“ sind entscheidend. Wenn hier alles stimmt, dann ist man weltweit bereit, große Summen zu investieren. Die mittleren und unteren Qualitätsstufen können längerfristig keine vergleichbare Entwicklung verzeichnen – eher im Gegenteil. In diesem Segment sind auf dem völlig unregulierten Classic-Car-Markt oftmals Trends entscheidend. Da gilt dann: was heute im Fokus steht, kann schon morgen bald weniger relevant sein.

Driven Luxury Cars: Beeinflussen diese Trends auch den Markt insgesamt?

Oliver Grimme: Definitiv. Vorkriegsfahrzeuge beispielsweise fühlen sich vom Handling oft eher wie ein Lastwagen an. Das hat seinen ganz eigenen Charme. Dazu hat die etwa vierzig- bis fünfzigjährige Erbengeneration oft keinen Bezug mehr. Daher sind diese Modelle zuletzt bei einigen Marktteilnehmern merklich aus dem Fokus gerückt - was natürlich sehr schade ist, aber wohl den Lauf der Zeit abbildet. Deutlich gefragter sind inzwischen sportivere Fahrzeuge aus den 1960er- und 1970er-Jahren, die die neue Sammler-Generation in ihrer Jugend bei Rallyes oder Rennen erlebt hat. Bestes Beispiel sind die Porsche 911er-Reihen, die sich teilweise sehr hoher Wertentwicklungen erfreuen und sich von Baureihe zu Baureihe hochschrauben. Selbst der 912er, früher eigentlich eher ein ungeliebtes Stiefkind, hat inzwischen seine Fangemeinde gefunden. Mittlerweile ist man auch bei den 924er- und 928er-Modellen angelangt, die früher bei vielen nicht als echte Porsche anerkannt wurden. Durch die Erbengeneration tut sich jedenfalls eine ganze Menge!

Bugatti Typ 57S Cabriolet Vanvooren
Zu Vorkriegsfahrzeugen hat etwa vierzig- bis fünfzigjährige Erbengeneration oft keinen Bezug mehr. Foto: RM Sotheby's

Driven Luxury Cars: Bedeutet: Derzeit findet im Kreise der Sammler ein Generationenwechsel statt?

Oliver Grimme: Die sogenannte „alte“ Sammler-Garde wurde in allererster Linie von Enthusiasten und Schraubern beherrscht. Für diese Generation war der Investment-Gedanke eher nachrangig – es ging in erster Linie um den Spaß an der Sache. Gleichzeitig haben diese Sammler im Lauf der Jahre trotzdem – wenn man so will ohne eigenes Zutun – durch die Pflege ihrer Fahrzeuge einiges an Wert generiert. Natürlich stellt sich dann im höheren Alter irgendwann die Frage, ob man noch imstande ist, eine Sammlung aus möglicherweise 30 Autos oder mehr zu bewegen und zu pflegen, oder ob es nicht Sinn macht, sich nach und nach von einigen Fahrzeugen zu trennen und die Sammlung zu konzentrieren. In bestimmten Fällen kann auch eine Stiftungs-Lösung sinnvoll sein. Auch bei diesen Fragen begleiten wir unsere Kunden.

Die sogenannte „alte“ Sammler-Garde wurde von Enthusiasten und Schraubern beherrscht. Für diese Generation ging es weniger ums Investment, sondern um den Spaß an der Sache.

Driven Luxury Cars: Sind diese Trends auch für den Boom verantwortlich, den der Markt in den letzten Jahren verzeichnete?

Oliver Grimme: Ich denke, wir erleben eine zunehmende Suche nach Sachwerten, sicher zu großen Teilen auch bedingt durch das Niedrigzinsumfeld. Das führt dazu, dass Investitionswillige ihr Geld verstärkt in Immobilien, Beteiligungen, oder eben in (Luxus)-Sachwerte anlegen. Hinzu kommt eine erheblich gestiegene Nachfrage aus ehemaligen Schwellenländern nach Statussymbolen wie Kunst und Classic Cars. Gerade diejenigen, die mit dem Aufschwung viel Geld verdient haben sind oft bereit, teils beachtliche Summen für ihr Wunschauto zu bezahlen.

Driven Luxury Cars: In welchen Ländern ist die Nachfrage besonders gestiegen?

Oliver Grimme: Im Nahen und mittleren Osten sowie in Russland herrscht eine hohe Affinität zu klassischen Automobilen und Sportwagen. Ebenso in China. Allerdings ist die Einfuhr von Classic Cars dort momentan nur sehr eingeschränkt möglich. Derzeit können die Autos oft nur als Kunstwerke importiert werden – allerdings dürfen sie dann in China nicht gefahren werden. Viele fragen sich, ob China irgendwann die Einfuhr klassischer Automobile vereinfacht und damit den Inlandmarkt öffnet …

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Driven Luxury Cars: Besteht denn begründeter Anlass zu dieser Annahme?

Oliver Grimme: Einige Marktteilnehmer rechnen fest mit einer Öffnung der Grenzen in den nächsten fünf bis zehn Jahren. Dieser Schritt würde den Markt natürlich in völlig neue Sphären katapultieren – denn unter derzeit etwa 1,4 Milliarden Chinesen gibt es sicher einige, die sich gerne ein solches Auto gönnen würden. Andere wiederum glauben, dass China diesen Schritt niemals unternehmen wird. 

Driven Luxury Cars: Was erwarten Sie persönlich?

Oliver Grimme: Ich möchte mich nicht festlegen. Allein in der Erwartung, dass China sich auf diesem Sektor demnächst öffnet sollte man sich dem Thema „Classic Cars“ derzeit noch nicht nähern. Dies bleibt hochspekulativ.

Das Risiko einer großen Blase sehe ich derzeit als eher gering an.

Driven Luxury Cars: Wie bewerten Sie die künftige Entwicklung des Marktes insgesamt? Geht es weiter bergauf? Oder droht eine Stagnation oder sogar ein Rückgang?

Oliver Grimme: Das Risiko einer großen Blase sehe ich derzeit als eher gering an. Im Gegensatz zu früheren Jahren ist der Boom auf dem Markt heute nicht fremdfinanziert. Allerdings könnte eine deutliche Anhebung der Zinsen dafür sorgen, dass das Geld wieder verstärkt anderweitig angelegt wird. Auch wäre es denkbar, dass eine große Krise Luxusobjekte generell aus dem Fokus rückt. Wir erleben momentan auch bei vielen Modellen einen langsameren Anstieg der Preise und damit eine Konsolidierung auf hohem Niveau. Grundsätzlich existieren auf dem Markt aber einige Unbekannte. Sollten beispielsweise die umweltschutzbedingten Fahrverbote in den Innenstädten in naher Zukunft auch auf Autos älterer Bauart ausgeweitet werden, könnte sich der Markt erheblich verändern.

Verlauf des Deutschen Oldtimer Index
2017 steig der Deutsche Oldtimer Index (VDA) nur um moderate 1,4 Prozent

Driven Luxury Cars: Der deutsche Oldtimer-Index verzeichnete zuletzt für das Jahr 2017 eine deutliche Verlangsamung beim Preisanstieg von Oldtimern – der Index blieb mit einem Anstieg von 1,4 Prozent sogar unter der Inflationsrate. Gehören die Zeiten atemberaubender Wertsteigerungen endgültig der Vergangenheit an?

Oliver Grimme: In der Tat verlangsamte sich der Preisanstieg 2017 spürbar. Ich halte das für eine gesunde Entwicklung, nachdem die letzten Jahre relativ hohe Preissteigerungen in Folge zu verzeichnen waren. Dabei darf man auch nicht vergessen, dass es sich um Durchschnittswerte handelt. Für die wirklichen Top-Fahrzeuge mit entsprechender Dokumentation, Seltenheit, interessanten Vorbesitzern oder Motorsportvergangenheit sind die Käufer durchaus bereit, weiter hohe Preise zu zahlen.

Für die wirklichen Top-Fahrzeuge sind die Käufer durchaus bereit, weiter hohe Preise zu zahlen.

Driven Luxury Cars: Gibt es neben dem klassischen Investment-Modell, bei dem eine Einzelperson ein Fahrzeug für die eigene Sammlung erwirbt, noch andere Anlagemodelle?

Oliver Grimme: Einzelinteressenten sind noch immer deutlich in der Mehrheit. Allerdings tun sich auch vereinzelt drei bis fünf Geldgeber zusammen, wenn beispielsweise eine Sammlung veräußert werden soll, dann meist durchaus mit dem Ziel, mit der Sammlung auch Gewinn zu erwirtschaften. Die dritte Variante wäre, einen geschlossenen Fonds aufzulegen, für den man gezielt Top-Objekte ankauft.

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Driven Luxury Cars: Sind solche autofokussierten Sachwertfonds rentabel?

Oliver Grimme: Die Kostenseite – sprich: Versicherung, Unterbringung und Co. – ist bei einer solchen Sammlung natürlich ungleich höher als bei Einzelfahrzeugen. Die Frage ist letztlich, ob sich nach Abzug dieser Kosten über den Verkauf einzelner Fahrzeuge noch eine attraktive Rendite erwirtschaften lässt.

Lesen in Teil zwei des Driven-Luxury-Cars-Interviews mit Oliver Grimme: Wie der Experte ein seltenes Fahrzeug beschafft, auf welche Merkmale bei einem Classic Car besonders zu achten ist - und was gewiefte Fälscher unternehmen, um selbst Experten hinters Licht zu führen.